Mittwoch, 19. Dezember 2012

IMHO: Der Mann in unserer Gesellschaft

Männer sind stark, können alles, wissen alles, sind Anführer, richtungsweisend, verspekulieren sich nie,  sind rational, reden nicht über Gefühle, haben so etwas wie Gefühle vielleicht gar nicht, wollen immer nur das Eine, wissen nie was sie wollen, sind brutal, verletzend, kaltblütig, kalkulierend, ausbeutend.

Die Liste könnte so ewig weiter gehen. Seitenweise könnte man Vorurteile sammeln, von Männern selbst, wie sie sich einschätzen, und von Frauen, wie sie die Männer in ihrer Umwelt wahrnehmen.
Klar ist, dass es darin keine echte Wahrheit gibt. Sie liegt auch nicht, wie man so schön sagt, "dazwischen". Jeder Mensch ist anders, deshalb nimmt auch jeder unterschiedlich wahr.

Was nun folgt ist meine persönliche, durchweg anfechtbare Meinung. Ich will hiermit niemanden angreifen, ich möchte nur sensibilisieren. Für ein Problem sensibilisieren, über das - wie ich finde - generell viel zu wenig nachgedacht wird. Vorweg: Ja, ich bin männlich.


Zeit ist Geld und alles muss heutzutage schnell gehen. Geht etwas nicht schnell, ist es entweder langweilig oder ungenügend. Vorausschauendes Denken und verantwortungsbewusstes Handeln gehören zu den langweiligen Dingen. Damit kann man keine Mädels aufreißen und keine Kinder beeindrucken. Wichtig sind kurzweilige Vergnügungen und Errungenschaften, die sich leicht auf Facebook posten lassen um Eindruck zu schinden. Über den Konsum verschiedener Güter definiert sich heute praktisch jeder. Man kauft, was man ist. Die wirklich wertvollen Dinge bleiben dabei auf der Strecke: Ehrlichkeit, Vertrauen, Schutz und Geborgenheit zum Beispiel. Werbung suggeriert uns wie wir uns zu verhalten haben um einem bestimmten moralischen "Milieu" angehören zu dürfen: "... für den umweltbewussten Kunden...". Eigene Maximen entwickelt und lebt heute fast keiner mehr.

In Verbindung mit steigendem Leistungsdruck und größerer psychischer Belastung im Alltag stürzen wir uns also nur zu gerne in kurzweilige Beschäftigungen. Man kann abschalten, lässt dem Wochenende seinen Lauf und vielleicht geht man sogar nicht mehr ganz so alleine aus dem (gerade ach so hippen) Club heraus, wie man hineingegangen ist. Ganz ohne Verpflichtungen und Risiko. Eigentlich doch gar nicht schlecht oder?

Aber: Für wen ist das eigentlich gut? Wie lange ist das gut? Worum geht es da überhaupt?

Kurzweilige Beschäftigung hat (so empfinde ich das) meistens ein Hauptziel: die Befriedigung der Bedürfnisse des eigenen Ichs. Sei es Gesellschaft, Anerkennung, Alkohol oder Sex, etc.
Leider achtet man bei den eigenen Bedürfnissen (die je nach Person natürlich stärker oder schwächer ausfallen können) selten auf langfristige Folgen oder Folgen für andere. Die eigenen Bedürfnisse, die man unter der Woche nur so selten Pflegen kann, sind jetzt endlich mal an der Reihe. Sonst kümmert sich ja auch niemand um einen, oder?


Doch was hat das nun mit uns Männern zu tun?

Meiner Meinung nach sind die gerade genannten (durchaus beidgeschlechtlichen) gesellschaftlichen Probleme neben den Vorurteilen aus der Einleitung mit Schuld daran, dass das Image von Männern heutzutage so miserabel ist, wie es ist. Viele von uns schätzen sich nicht einmal mehr gegenseitig. Wir wissen selbst nicht mehr wo wir eigentlich stehen. Sind wir die heldenhaften und ehrenvollen Ritter, die eine Frau bis an ihr Lebensende lieben oder die heißen Liebhaber mit Steroiden-gestähltem Körper, die eine nach der anderen flachlegen? Irgendwie beides, und nichts davon.

Natürlich entscheidet jeder von uns, was er sein möchte. Doch die Signale der Konsumwelt (die immer mehr die Rolle eines Vorbilds einnimmt, was eine sehr gruselige Vorstellung ist) sind irritierend. Dazu möchte ich die britische Feministin Laurie Penny zitieren (vgl. hier):
Die Schulen kümmern sich kaum um Sexualerziehung, man redet nicht über Sex. Stattdessen flüstern Filme, Musik oder Literatur den Heranwachsenden ein, dass sie ein romantisches Ideal von Zweierbeziehung verfolgen und die große Liebe finden sollen, um zu heiraten und Babys zu haben. Junge Leute stecken in einer Falle: Auf der einen Seite [Pornografie, also] Hardcore-Sex, auf der anderen Seite Für-immer-Liebe-Romantik.
Männer werden auch in Filmen (solche die vor allem Männer ansprechen sollen) oft gleich dargestellt: Stark, unnachgiebig, verdammt cool, erfolgreich, willensstark, zielstrebig, aber auch hirnlos und machohaft.
Natürlich könnte man nun argumentieren, dass diese Einstellung zu Männern naturgegeben ist. Männer sind evolutionsbedingt dazu geschaffen worden, stark zu sein, die Familie mit Essen zu versorgen, dafür auf die Jagt zu gehen und das am besten auch nicht infrage zu stellen. Männer die schwach sind und den ganzen Tag nachdenkend in einer Höhle verbringen sind zu nichts gut (irgendwie seltsam, dass die alten denkenden Griechen wie Aristoteles, Platon und Sokrates noch immer so bekannt und wichtig sind...). Das einzige "Evolutions-Argument" das ich gelten lasse ist, dass kräftige Männer (genauso wie Frauen mit breiteren Hüften) als besonders zeugungsfähig empfunden werden. Doch was hat sonst in unserer heutigen Gesellschaft noch Halt?

Deutschland und viele andere Industrienationen werden immer mehr zur Dienstleistergesellschaft. Händische Arbeiten übernehmen vielerorts Maschinen und nur wer viel lernt, wird am Ende viel verdienen. So zumindest inzwischen die Faustregel. Momentan sieht es nur so aus, als könnten Frauen das mit dem Lernen besser, doch wir Männer sind anscheinend nicht Mann genug um ihnen das einzugestehen (vgl. hier, übrigens ein sehr empfehlenswerter Artikel, den ich hier nun noch ein paar mal zitieren werde!).

Auch in Naturwissenschaften sind wir vermutlich nicht so überlegen, wie wir uns fühlen:
„Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Mädchen für diese Fächer eine geringere Begabung aufweisen als Jungen“, sagt Psychologie-Professorin Ursula Kessels von der Universität Köln. Vielmehr sei es so, dass sich Mädchen in diesen Fächern zu wenig zutrauten und auch weniger Interesse daran äußerten. „Ihre mathematischen Fähigkeiten unterschätzen sie deutlich.“
Biologisch gesehen sind wir sowieso nicht das stärkere Geschlecht:
Die starke Außenorientierung der Jungen kommt nach Hüther daher, dass sie biologisch gesehen das schwache Geschlecht sind. „Wegen des fehlenden zweiten X-Chromosoms.“ Das Y-Chromosom, das sie stattdessen haben, sei kümmerlich. Wenn mit ihrem X-Chromosom etwas nicht funktioniere, fehle das „Ersatzrad“. „Zur Welt kommen Jungs konstitutionell schwächer und haltsuchender – aber mit einem Riesenantrieb.“ 
Weil sie stark nach Halt suchten, hätten sie eine hohe Affinität für kräftige Dinge wie Panzer, Saurier und Feuerwehrautos; und sie entwickelten ein besseres Orientierungsvermögen. Sehr wichtig seien für Jungen gute Vorbilder. Doch wenn männliche Vorbilder fehlten, seien sie hochaffin für die Angebote ihrer Peer Group, wo sie oft die ungünstigen Vorbilder fänden. „Häufig orientieren sie sich nicht an den klügsten, sondern an den primitivsten Jungs, die mit ihren billigen Strategien schon viel erlebt haben.“
Wo soll das hinführen? Wir Männer werden so immer mehr zu Vollpfosten, die kurzweilige Beschäftigung als erlebenswert ansehen. Wie soll uns die Frauenwelt so ernst nehmen? Wie soll sie so dazu bereit sein uns zu schätzen? Ist es nicht das was wir wollen?
Meiner Meinung nach ist es sogar noch einen Tick schlimmer: oft beklagen sich Männer über die Kaltblütigkeit und Berechnung von Frauen. Sie würden uns nur ausnutzen und uns manipulieren. Serien wie "Sex and the City" oder "Gossip Girl" bestätigen so etwas gerne. Wenn ich mir Gedanken darüber mache, wo das herkommt, drängt sich mir sofort auf: wir sind selbst Schuld! Durch die Ignoranz und Geringschätzung die wir (natürlich nicht alle) gegenüber dem weiblichen Geschlecht aufbringen, haben wir das auch nicht anders verdient. Sowohl im Privatleben als auch im Büro.
Nach Ansicht von Gerald Hüther haben sich bisher nicht immer die geeignetsten Männer den Weg nach oben gebahnt. In den Unternehmen beobachtet er viel Macho- und Machtgehabe, vor allem in den Führungsetagen. „Während die Frauen mit der Aufzucht beschäftigt waren, haben sich die Männer Bereiche geschaffen, in denen sie die Herren sind – und eine hässliche patriarchale Gesellschaft entwickelt.“ Jungs wüchsen in diese alten Seilschaften hinein. „Immer noch gehen für die jungen Männer die Türen leichter auf. Die alten Chefs passen schon auf, dass die richtigen Nachfolger kommen.“ 
Ganz ehrlich: was soll sowas? Wir Männer sind kein exklusiver Club aus Hochbegabten. Im Gegenteil.  Ab dem Zeitpunkt, an dem wir das denken, sind wir ein Club aus Idioten, die man simpel nicht ernst nehmen kann. Das darf ich auch als Mann so sehen. Interessanterweise sind es vor allem ältere Männer/Rentner,  die irgendwann kapieren, dass Machtgehabe und Macho-sein nichts bringt. Wieso geht das nicht schon vorher? Wieso ist unser Arbeitsmarkt ein Kriegsschauplatz? Wieso müssen die Geschlechter gegeneinander arbeiten? Wir stehen uns dabei selbst im Weg! Und unserem Fortschritt. Wir könnten gesellschaftlich schon viel weiter sein und müssten uns nicht über Flexi-Quoten aufregen.

Und noch ein Problem gibt es. Das liegt aber eher in der Erziehung von jungen Frauen. Hierzu wieder ein Zitat von Laurie Penny:
Offensichtlich begreifen wir vor allem männliche Heterosexualität als etwas Toxisches, Gewalttätiges, Ausbeutendes, das kontrolliert werden muss. Das führt dazu, dass Männer ihre sexuellen Impulse als etwas Schlechtes empfinden - und das ist eine der Hauptquellen für Frauenfeindlichkeit.
Das geht nun sehr in die Richtung der sexuellen Freiheit. Ein Fass das ich hier nicht aufreißen möchte. Dennoch denke ich, dass an ihrer Meinung ein Fünkchen Wahrheit steckt. Wir Männer sind nur selten dazu in der Lage unsere sexuellen Bedürfnisse und Wünsche offen zu äußern, ohne danach schräg angesehen zu werden. Generell wird mit dem Thema Sex viel zu vorsichtig umgegangen: ohne Sex wären wir alle nicht hier, warum also nicht darüber reden?

Kurzum: Unsere Gesellschaft braucht mehr Toleranz zwischen den Geschlechtern und auch Toleranz zur eigenen Unvollkommenheit. Dazu gehört die Toleranz gegenüber den eigenen Bedürfnissen. Diese sollten aber nicht kurzfristig befriedigt, sondern verantwortungsbewusst behandelt werden. Im Grunde läuft es auf die Goldene Regel hinaus: "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst."


Bei meinen zahlreichen Gesprächen die ich in Vorbereitung zu diesem Blogeintrag mit einigen jungen Männern und Frauen geführt habe, habe ich trotz allen Misständen festgestellt, dass viele Männer eigentlich wissen, was richtiger wäre: Toleranz und Frieden zwischen den Geschlechtern. Dinge wie Fürsorge und Liebe sind wieder ein bisschen im Trend. Hoffentlich liegt das nicht nur an der bevorstehenden Weihnachtszeit..

Zum Schluss noch ein Mut machendes Zitat von Gerald Hüther (vgl. wieder hier):
Dennoch ist Hüther hoffnungsfroh. „Das alte Rollenspiel geht zu Ende. Immer mehr junge Männer beginnen sich zu fragen, wer sie eigentlich sind.“ Sie seien auf dem Weg zu mehr Authentizität. „Und authentische Männer sind liebende Männer“, erklärt Hüther. Als Chefs könnten sie andere inspirieren und ermutigen. Solche Führungskräfte seien aber noch rar – und würden händeringend gesucht. „Für die Unternehmenskultur und den Erfolg eines Unternehmens sind sie so wertvoll, dass man sie mit Geld kaum bezahlen kann.“

Kommentare:

  1. Sehr schöner Artikel :)

    Gut geschrieben und enthält wahre Aussagen ;)

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  2. Finde ich auch. Gerade die Tendenz zum Richtigen ist heute etwas stärker in den Köpfen verankert, als das noch vor einigen Jahren war. Zwar sollte man(n) das skeptisch weiter in die Zukunft verfolgen, aber es ist zumindest ein kleiner, positiver Anfang. :)

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  3. sehr gut geschrieben :) und da steckt auf jeden fall viel wahrheit drin :) daher ist es umso besser, dass es noch männer wie dich gibt, die überwiegend gute eigenschaften aufweisen :P :*

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